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Dr. Markus Keller
Forschungsinstitut für pflanzenbasierte Ernährung (IFPE), 35444 Biebertal · www.ifpe-giessen.de
Warum pflanzenbasiert? – Nachhaltigkeit und die Planetary Health Diet
Pflanzenbasierte Ernährungsweisen werden in Deutschland immer beliebter. Laut Ernährungsreport 2023 des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft ernähren sich inzwischen 8 Prozent der Deutschen vegetarisch, weitere 2 Prozent vegan, und 46 Prozent schränken ihren Fleischkonsum bewusst ein und greifen nur noch selten zu Fleisch und Wurst. Diese Gruppe wird auch als Flexitarier bezeichnet. Während eine vegetarische oder vegane Ernährung besonders bei den jüngeren Altersgruppen beliebt ist, steigt der Anteil der Flexitarier bei den über 60-Jährigen sogar auf 49 Prozent an (BMEL 2023).
Eine pflanzenbasierte Ernährung ist besonders vorteilhaft für die Umwelt, weil sie zahlreiche ökologische Belastungen der Lebensmittelproduktion verringert: Sie verursacht im Vergleich zu einer üblichen fleischreichen Mischkost weniger Treibhausgasemissionen, benötigt weniger Wasser, Landfläche und Futtermittel und wirkt dem Verlust an Artenvielfalt entgegen. Die Planetary Health Diet ist ein Ernährungskonzept, das auf wissenschaftlichen Erkenntnissen basiert und gesunde Ernährungsweisen mit der Notwendigkeit der ökologischen Nachhaltigkeit kombiniert.
Sie empfiehlt eine überwiegend pflanzliche Kost mit viel Gemüse und Obst, Vollkornprodukten, Hülsenfrüchten und Nüssen, ergänzt durch einen moderaten Anteil an tierischen Lebensmitteln wie Fleisch, Milch und Eier, um sowohl die Gesundheit der Menschen als auch die planetaren Grenzen zu berücksichtigen. Dabei liegt der Anteil pflanzlicher Lebensmittel bei mindestens 80 bis 90 Prozent der verzehrten Lebensmittelmenge, auch vegetarische und vegane Varianten sind möglich (Willett et al. 2019). Die Planetary Health Diet wurde kürzlich aktualisiert und konnte auf Basis der neu hinzugekommenen wissenschaftlichen Erkenntnisse ihre bisherigen Empfehlungen bestätigen (Rockström et al. 2025). Übersichtsarbeiten und Modellstudien zeigen, dass ein Wechsel von einer üblichen Mischkost zu einer vollwertigen pflanzenbasierten Ernährung im Sinne der Planetary Health Diet die ernährungsbedingten Treibhausgasemissionen um etwa 30 bis 52 Prozent, die benötigte Landfläche um rund 20 bis 45 Prozent und die Frischwassernutzung um 14 bis 27 Prozent reduzieren kann – wohlgemerkt bei identischem Kaloriengehalt der Ernährung (Bunge et al. 2024).
Ernährungsmedizinische Vorteile einer pflanzenbasierten Ernährung
Vegetarische und insbesondere vegane Ernährungsformen weisen aufgrund der vielfältigen Auswahl pflanzlicher Lebensmittel häufig einen höheren Gehalt an verschiedenen Vitaminen auf. So zeigen Untersuchungen eine höhere Zufuhr von Vitamin C, Vitamin E, Vitamin B1 (Thiamin), Folat und Betacarotin (Provitamin A), während Vitamin K, Pantothensäure und Biotin meist in ähnlicher Höhe zugeführt werden wie in einer Mischkost (Leitzmann und Keller 2020). Die deutsche RBVD-Studie des Bundesinstituts für Risikobewertung bestätigte diese Tendenzen: Veganerinnen und Veganer zeigten eine signifikant höhere Zufuhr von Vitamin B1, Folat und Vitamin E, auch die Vitamin-C-Zufuhr war tendenziell höher als bei den Mischköstlern (Weikert et al. 2020). Zu ähnlichen Ergebnissen kam die NuEva-Studie der Universität Jena; hier punkteten die Veganer vor allem bei den Vitaminen E, K und C, Folat und Betacarotin (Dawczynski et al. 2022).
Menschen mit vegetarischer oder veganer Ernährung nehmen im Durchschnitt mehr Kalium und Magnesium auf, was auch zum häufig beobachteten niedrigeren Blutdruck bei pflanzenbasierter Ernährung beiträgt. Gleichzeitig überschreiten jedoch nicht nur Mischköstler, sondern häufig auch Vegetarier und Veganer die maximale Empfehlung für die Kochsalzzufuhr (Schüpbach et al. 2017; Sobiecki et al. 2016). Ein überhöhter Salzkonsum gilt als Risikofaktor für Bluthochdruck.
Neben der guten Versorgung mit den genannten Vitaminen und Mineralstoffen gibt es jedoch bei pflanzenbasierter Ernährung auch potenziell kritische Nährstoffe. Bei Vegetariern betrifft dies vor allem Eisen, Zink, Jod, Selen, die langkettigen Omega-3-Fettsäuren und Vitamin D, bei Veganern zusätzlich Vitamin B12, Vitamin B2 und Kalzium (Leitzmann und Keller 2020).
Zahlreiche Studien zeigen, dass eine pflanzenbasierte Ernährung das Risiko für verschiedene ernährungsassoziierte chronische Erkrankungen senken und/oder deren Verlauf positiv beeinflussen kann – darunter Übergewicht, Typ-2-Diabetes, Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen und ischämische Herzkrankheit (Leitzmann und Keller 2020). Auch das Gesamt-Krebsrisiko ist bei Vegetariern und Veganern leicht verringert (Wang et al. 2023).
Rheuma: Formen, Häufigkeit, Ursachen und Ernährung
Rheuma ist ein Sammelbegriff für viele verschiedene chronischentzündliche, degenerative oder immunologisch bedingte Erkrankungen des Bewegungsapparates, die mit Schmerzen, Entzündungen und Bewegungseinschränkungen einhergehen. Dazu zählen neben der Arthrose auch rheumatoide Arthritis, Fibromyalgie, Gicht, Spondyloarthritiden, Psoriasisarthritis, Kollagenosen oder Vaskulitiden. Laut eines aktuellen systematischen Reviews sind in Deutschland etwa 2,2 bis 3,0 Prozent der Erwachsenen von einer entzündlichrheumatischen Erkrankung betroffen – das entspricht etwa 1,5–2,1 Millionen Menschen (Albrecht et al. 2023).
Die rheumatoide Arthritis (RA) ist dabei eine der häufigsten Formen. Die Prävalenz wird auf etwa 0,8 bis 1,2 Prozent der erwachsenen Bevölkerung geschätzt, entsprechend rund 560.000 bis 830.000 Betroffene. Frauen erkranken etwa zwei- bis dreimal häufiger als Männer.
Schätzungen gehen davon aus, dass etwa jede dritte RA-Erkrankung auf Lebensstilfaktoren wie Übergewicht, Rauchen, ungünstige Ernährung und geringe körperliche Aktivität zurückzuführen ist und damit vermeidbar wäre (Hahn et al. 2023).
Da tierische Lebensmittel reich an Arachidonsäure sind – einem Vorläufer proinflammatorischer Eicosanoide – empfiehlt die Deutsche Gesellschaft für Rheumatologie als unterstützende Maßnahme bei RA eine Verringerung des Fleisch- und Wurstkonsums sowie den Austausch gesättigter Fettsäuren durch antiinflammatorische pflanzliche und marine Omega-3-Fettsäuren (DGRh 2023).